Shrink

Thomas Huber
Shrink
Stück in 4 Szenen
1 D, 1 H, 1 Dek
Schauplatz ist die psychoanalytische Praxis von Dr. Gerd Pohn. Jeanne ist seine Patientin. Woche für Woche liegt sie auf seiner Couch und versucht die Praxisdecke zu entziffern, während Pohn hinter ihrem Kopf in seinem Lehnstuhl sitzt und schweigt. Pohn hat Mühe, aus den Erzählungen Jeannes ein Körnchen Wahrheit auszusieben, um einen therapeutischen Ansatz für die Heilung ihrer selbstzerstörerischen Neigungen zu finden. Jeanne will erhört werden. Sie liebt den alten Mann und hält unerschütterlich an dieser Liebe fest. Für Pohn sind diese Gefühle "Teil des analytischen Prozesses". Jeanne bekämpft diesen mechanischen Angang an ihre Person mit allen Mitteln. Sie will nicht nach einer therapeutischen Checkliste funktionstauglich gemacht werden. Mit beißendem Humor versucht sie, die Deckung Pohns zu durchbrechen.

Als Pohn nicht mehr weiter weiß, schließt er einen Pakt. Jeanne will sich kooperativ zeigen, falls er mit ihr ein Wochenende am Meer verbringt. Als sich herausstellt, dass Pohn sein Wort nicht halten wird, nimmt Jeanne Rache.

Die Therapie Jeannes wird zum Brennglas der modernen Psyche. Pohns Prinzip der Gesellschaftstauglichkeit des Patienten misst sich mit der geheimnisvollen Irratio Jeannes und ihren mythischen Sehnsüchten. Mit der Maske der Komik treibt Jeanne das Verhältnis zu Dr. Pohn in einen erbitterten Machtkampf, in dem es um ihr eigenes Überleben geht.

SHRINK – Erste Szene

JEANNE   Soviel haben Sie noch nie an einem Stück gesprochen.
POHN   Mmmh...
JEANNE   Mmmh... (Pause) Ich mag es, wie Sie ihre Fragen stellen. Immer in Dur. Sie rollen sie langsam den Berg hinauf. Ganz langsam. Die letzten Meter sind die schwersten.
POHN   Mmmh...
JEANNE   Am Ende steht das Gipfelkreuz. Wahrscheinlich ein Schweizer Berg. Die sind neutral. Immer schön in Dur. Aber Sie seufzen in Moll. So. Wie eine Schulglocke. Kleine Terz. Sehen Sie? Leise rieselt der Sand. Ihre Stimme. Wie rieselnder Sand auf Reispapier.
POHN   Was meinen Sie damit?
JEANNE   Herr Pohn, Sie müssen die letzte Masche schon mit der Nadel auffangen, sonst wird kein Schal daraus. So: Reispapier, was meinen Sie damit? Antwort: Nichts Bestimmtes. Machen Sie sich keine Sorgen. Ist mir nur so aufgefallen.
POHN   Warum tragen Sie ein Handtuch um den Hals?
JEANNE   Wollte gleich noch Joggen gehen. Wieso?
POHN   Nur so.
JEANNE   Ich kann es solange weglegen, wenn es stört.
POHN   Die Botschaft lautet: Sie kommen nur auf einen Sprung vorbei. Sie haben noch was vor.
JEANNE   Aua. Treffer.
(JEANNE faltet das Handtuch zu einem präzisen Viereck. Dann macht Sie sehr kleine Sit-ups und Beinscheren. POHN schweigt.)
Gut, wo fangen wir an? Kindheit, schätz ich mal. Also... Ich esse gerne Zucchini. Hab sie einfach gerne in der Hand. Wäre das was für Sie? Sehe schon, hier kommt kein Gespräch zustande. Ich schlafe eine Runde, ist das in Ordnung? (JEANNE legt das Handtuch auf ihr Gesicht.) Sind Sie noch da? Ich trau mich nicht, mich umzudrehen. Vielleicht haben Sie jetzt lange Zähne und grüne Augen. Wecken Sie mich, Okay?
(POHN blickt sie stoisch an.)
Leute, die ständig in ihrer Vergangenheit pulen, die kann ich nicht ausstehen.

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