Fünf Goldringe

Joanna Laurens
Fünf Goldringe
(Five Gold Rings)
Stück in 19 Szenen
Deutsch von Raphael Urweider
2 D, 3 H, 1 Dek
Eine Sonnenuhr irgendwo in der Wüste. Am Boden ein Monopolybrett, ein angefangenes Spiel. Henry sitzt in einem Stuhl, der an einen Thron erinnert, und erwartet wie vor jeder Weihnacht seine beiden Söhne Simon und Daniel mit ihren Frauen Miranda und Freyja.
Er will das Spiel vom letzten Jahr zu Ende spielen.

Doch diese Weihnacht wird alles anders sein: Henrys Söhne kommen in dem Wissen, dass die Quelle neben Henrys Haus am Versiegen ist. Sie suchen nach einem Weg, ihm dies mitzuteilen. Sie wollen ihn davon überzeugen, daß er mit ihnen in die Stadt zurückzukehren muß.

Simon und Daniel fühlen sich dem gebrechlichen Vater unterlegen. In seiner Gegenwart fallen sie immer wieder in die Rolle der Knaben zurück, die Henry alleine aufgezogen hat. Und Henry versteht es, sie an ihre Vergangenheit mit ihm in der Wüste zu erinnern.

Simon und Daniel sind davon überzeugt, dass Henry sehr reich ist. Er macht ihnen dies jedoch nur vor, aus Angst, sie würden sich sonst nicht mehr um ihn kümmern. Sein ganzes Geld hat er vor Jahren seiner Exfrau Sarah vermacht.

Miranda, Simons Frau, hat herausbekommen, dass Simon sich sterilisieren ließ. Da sie unbedingt ein Kind möchte, beginnt sie eine Affäre mit Daniel. Als Daniel von Henry Geld verlangt, um mit Miranda wegzufahren, kommen lange verschwiegene Geschichten aus der Vergangenheit ans Licht - und die daraus resultierenden Lügen der Gegenwart unweigerlich auch. Niemand erträgt dies, ohne Schaden zu nehmen.

"Fünf Goldringe" ist ein Stück über die Lügen und Mythen in Paar- und Familienbeziehungen, über Machtverhältnisse, die den direkten Umgang miteinander unmöglich machen.

Das Faszinierende an "Fünf Goldringe" ist allem voran die Sprache. Sie droht jederzeit, wie die Quelle in der Wüste, zu versiegen. Die Figuren sprechen spärlich, als wären die Wörter kostbarer als Wasser; hochpoetische Bilder entstehen wie zufällig aus elliptischen Sätzen, die Überflüssiges versanden lassen.
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FÜNF GOLDRINGE - Erste Szene



HENRY Sie halten mich für den Falschen.
"(Zu FREYJA)"
Komm her.
Ich hab vielleicht nicht viel, aber
"(Gibt FREYJA seine Uhr)"
wenn ich sterbe (nicht bald, Freyja), aber wenn ich sterbe,
Simon, dies für ihn.
Dies um seine Nächte zu messen, das Dunkel zu zählen.
Um um sieben Uhr in der Früh zu rufen und ihn aus dem Schlaf zu spießen.
Für Simon, den erstgeborenen Sohn,
dies für ihn.

"(Er nimmt mehrere Fotos aus seiner Brieftasche und streichelt sie, hält bei jeder Beschreibung über einem inne, bevor er sie FREYJA weiterreicht. )"

Für Daniel, diese. Diese, um die saftigen Momente festzuhalten.
Um uns in seltsamen Kleidern auf dickes sahniges Papier zu heften.
Zerstört durch Falten, Verblassen und Fühlen.
Die Getränkereste von Festen vergessener Zeiten:

Mein lang gegangenes Langhaar fällt aus inmitten eines Gesprächs.

Weihnachten ´71.
Eine Aufziehmaus.
Simon in Boxausrüstung.

Für Daniel, Zweitgeborener aber gleich Geliebter,
diese für ihn.

Dies ist alles was ich habe und das sich wegzugeben lohnt.

Freyja, bis dahin dürfen sie niemals von diesem Nichts wissen. Niemals.

FREYJA "(gibt ihm Uhr und Fotos zurück)"
Niemals werde ich es sagen, Henry.

HENRY Nun fehlt mir ihre Nähe. Wie dem Sand das Wasser fehlt.
Alles wird sein, wie es war als sie Jungen waren;
hier in der Wüste
ist das Leben

Simon. Daniel.
Wisst ihr, wie man zimmert, wisst ihr, wie man zuhört,
wisst ihr, wie man kämpft, wisst ihr, wie man Antwort gibt,
wisst ihr, wie man spart, wisst ihr wie man opfert,
wisst ihr, wie man auslöscht, schlachtet?
Ich weiß wie. Dies ist das verschwendete Fett des Alters, das mich über Wasser hält.
Nicht der Bauchansatz eures Erwachsenseins.

Wo?
Wo ihr, meine Söhne?
Kommt, um diese Weihnacht
in der Wüste zu verbringen?

"(HENRY wirft zwei Würfel auf das Monopolybrett. )"




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