Grimma

Kerstin Hensel
Grimma
Komödie in 27 Szenen
2 D, 4 H, Verw - Dek
„Die Freiheit ruft aus mordzerquetschten Kehlen.“

Kerstin Hensels Komödie führt ins Bodenlose und läßt uns vor den seichten Gründen der menschlichen Sinnsuche erschauern und lachen, Ost wie West so Deutsch. Es entstand bei ihrem Studienaufenthalt in der Villa Massimo 1997 und hat eine Entsprechung in ihrer Erzählung „Tapeinerweg“.

Das Stück beginnt mit einem Zusammenprall von Trabbi und Privatflugzeug: Bruch und Streit. Zwei verfeindete Paare, das siebzigjährige Arbeiterehepaar Kern aus Grimma im Osten und der fünfzigjährige Gerontologe mit Boxervergangenheit, Dr. Wahnfried Setter, aus dem Westen, nebst allen seinen Krankheiten und seiner jungen schönen Frau, streben erholungsuchend – aber was bedeutet das! – in das Südtirolhotel hinterm Berg, wo alles deutsch ist und wo sich wie im Shakespeare’schen Zauberwald die Fäden verwirren und Unbewußtes aus dem dunklen Grund hervortreibt. Denn hier herrscht Maron, der als Gastwirt, Verführer und Teufel sein Spiel mit ihnen treibt, assistiert von einem Jogger, der alles in Bewegung hält. „Anreise individuell, Abreise kollegial und für immer“, ist Marons Menschen und Welt erlösendes Angebot. In den verwechselten Betten die Männer umschlungen und verbrüdert, die Frauen aufmüpfig und in Panik geflohen, sieben Tage und Nächte im Hexenrausch „frei hei hei“, erweckt von Marons Geisterarmee, war das in Grimma?

Grimma ist überall, Grimma ist der Hunger nach Glück. Endlich doch von ihren Männern gesucht und gefunden, sinken alle in einen todähnlichen Schlaf. Beim Erwachen zwingt Maron die Frauen zu erkennen, was sie treiben, und macht sie geil, bis die alte Lucie ihm den Schädel einschlägt. „Jetzt sind die Männer alle tot.“ Doch angetrieben vom Jogger, vertauschen die Frauen ihre Partner und erklimmen mit ihnen den Gipfel ihres Glücks. Maron sieht sich von der Lebenstüchtigkeit der Weiber geschlagen. Nicht zuende geboren und nicht ganz tot, entdeckt er einen Ausweg. Er findet einen Pilz, mit dem er Krieg spielen kann, und läßt das Ganze hochgehen. Während die kriegsversehrten Paare tote Zeit fressen und der Himmel jodelt, erspart es Maron dem Publikum, einen Sinn zu finden und kassiert „eine Maut fürs Glück“.


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