Atzenköfls Töchter

Kerstin Hensel
Atzenköfls Töchter
Schauspiel in 27 Szenen
Zum Gedenken an Marieluise Fleißer
4 D, 5 H, Verw - Dek
„Eine Frau kann nur dergestalt Geschichte machen, wenn sie ihren zentralen Empfindungen entsagt, die Leidenschaften abbeißt, sich klitoral entkernt und der Gesellschaft die reine Härte bietet. Dann wird jedes Übel abprallen wie ein Messer an titangeschliffenem Metall. Du mußt noch viel für dich tun, Berta Schmidt.“

Während von der Terasse her die Katzen heulen, dressiert Frl.Atzenköfl, die teuflische Gouvernante, ihre Töchterschülerinnen, Gefühle unter Kontrolle zu halten, damit sie als Frauen überleben können: Dabei rennt sie ihrer Liebe zu dem Obersten Kolbe nach, bis übers Dach. Die schüchterne Meta läßt sich zu allem zwingen und wird eine exemplarische Hausfrau werden, die tüchtige Christel, die nicht Nein! sagen kann, macht alles richtig und wird es zu „Christels Frischer Fleischboutique“ bringen, aber nicht zum Glück. Berta Schmidt jedoch muß lachen und besteht darauf, eigene Gefühle zu haben. Sie träumt sich mit ihren Gefährtinnen aus dem Schlafsaal des Mädchenpensionats hinaus ins Leben und gründet eine Mädchenbande. „...wie die Männer werden wir auf Beutezug gehen und uns holen, was uns gefällt. Die sich uns in den Weg stellen, werden wir in die Fresse schlagen, und die wir lieben, werden wir in unsre Betten nehmen. Frei sein! Geld verdienen! Und was wir denken wollen, denken wir!“ Der Humor, der aus der Verwandschaft zu Schillers Räuber-Pathos kommt, ist unverkennbar.

Der graue Soldat Schlesak, mit dem Berta ihre Lust befriedigen will, weist sie jedoch brutal ab und heiratet Meta.

Berta fällt mit ihren rebellischen Plänen zurück in die Bierdunstagonie an der Seite ihres Vaters, der seinen Lebensabend damit auffrischt, sie zu ernähren. Endlich erlöst sie: Ralle, der Vertreter. Er vertritt die Idee der Veränderung der Welt durch das Umbilden der Weltkarte mit Schere und Klebstoff, und er leitet ein Theater in München. Während Meta sich ganz ins Eheleben zurückzieht und nicht bemerkt, wie der Krieg beginnt, der ihren Soldaten das Leben kosten wird, glaubt Berta an ein Glück mit Ralle auf dem Theater und wartet, träumt und hat endlich ihren großen Auftritt und Erfolg. Ralle will sich Bertas Talent aneignen, aber Berta behauptet ihren eigenen Kopf. So wird ihr Ruhm zum Skandal. Während der Ernährer und Ralle um das Recht streiten, sie zu vergewaltigen, fällt Berta zurück in den Alltag des Stammdomizils, schreibt Ralle einen Abschiedsbrief und vergeht an ihrer Anstrengung geduldig zu sein. Sie strickt einen Strick, sinnt auf Mord und irgendwas wartet trotz allem in ihr auf Ralle.

Die Vorbereitungen auf die lange Nacht im Hacker Moor sind in vollem Gange und der Krieg hat sein erstes Opfer gefordert, Joseph Schlesak.

Nach Jahren kehrt Ralle in der größten Not zu Berta zurück. Sie ergreift ihre Chance und will mit ihm noch einmal von vorn anfangen und heiraten. Sie hat ihm einen Brief geschrieben. Er hat ihr ein Gedicht gewidmet. Das genügt ihnen, um in einen Taumel von Hoffnung zu fallen, der sie zum Hacker Moor führt, dem heilenden Moor, dem teuflischen Moor, wo die Atzenköfl herrscht und wo das reine Glück zu finden ist. (Kenner bemerken unschwer Züge des kurzen gefährlichen Rauschs, in den die Bürger des Ostens im ersten Augenblick des gesellschaftlichen Umbruchs taumelten.) Ralles verrückte Idee von einem Frieden der Welt durch das Umbilden der Landkarte scheint endlich Wirklichkeit. Nur Berta kann dem großen Glück, von ihrem Geliebten geliebt zu werden, nicht glauben. In diesem Traumbild zeigt ihr die Atzenköfl, daß sie ihr Glück, wenn es sich endlich erfüllt, nicht halten kann. Nun nimmt Berta den in langen Jahren gestrickten Strick für sich selbst – und lernt endlich überleben: sie heiratet den Tabakhändler Käfer, „lernt einen Zopf zu stricken und eine Havanna von einer Sumatra zu unterscheiden“.

Meta hat den kranken Ralle geheiratet, zur Reparatur gegeben und domestiziert, Käfer domestiziert Berta. Als die Paare sich auf dem Marktplatz von Oberbichl begegnen, geraten die Männer in Streit und erdrücken sich gegenseitig. Die Frauen schauen gelassen zu – sie verlieren nichts.

Atzenköfls Töchter als alte Frauen treffen sich wieder im Schlafsaal des Mädchenpensionats und resumieren ihr verlorenes Leben. Die Atzenköfl hat ihren Weg gefunden und „geht einem neuen Zeitalter entgegen:....eine Frau kann nur Geschichte machen, wenn sie einen Rock trägt, der so eng ist, daß darunter kein Finger Platz findet, und eine Bluse, die über den Augen schließt. Ich habe es geschafft. Aber für dich ist es zu spät.“ Ihre Töchter versinken in ewigen Schlaf, doch Berta rappelt sich noch auf zu ihrem eigenen unzerstörbaren Lachen.

Doris Tschierschky


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