The Searching Wind

Lillian Hellman
The Searching Wind
Stück in 2 Akten
3 D, 11 H, St, Verw - Dek
Hellmans fünftes Theaterstück in zehn Jahren nimmt in ihrem Schaffen eine gewisse Ausnahmestellung ein: Nie zuvor und niemals wieder hat sie sich dermaßen weit von den Formvorgaben des „well made play“ gelöst, und nie zuvor und niemals wieder ist sie, die Zeitgenossenschaft immer auch als künstlerische Verpflichtung betrachtet hat, der Zeitgeschichte so dicht auf den Fersen gewesen. Das Stück spielt im Frühjahr 1944. Im April 1944 wurde es am Broadway uraufgeführt.
Schauplatz ist das Haus von Emily und Alexander Hazen in Washington, D.C. Dorthin zurückgekehrt vom europäischen Kriegsschauplatz ist ihr Sohn Samuel, kurz Sam, mit einer schweren Beinverletzung. Familiärer Bezugspunkt für ihn ist sein Großvater mütterlicherseits, Moses Taney, während er zu seinen Eltern ein eher distanziertes Verhältnis hat. Zu Gast ist auch Emilys alte Freundin Catherine („Cassie“) Bowman. Etwas ist faul im Hause Hazen.
In einer Reihe von Rückblenden, die sich zu einem panoramatischen Blick auf die letzten zwanzig Jahre zusammenfügen, wird die Vorgeschichte der Protagonisten aufgeblättert, die sich als „Innocents Abroad“, wie Mark Twain seine Landsleute nannte, an den Brennpunkten der Geschichte befanden: Amerikaner nicht nur in Paris 1938, sondern auch in Rom 1922 und Berlin 1923. Aufgedeckt werden dabei nicht nur die privaten Verstrickungen wie etwa Alexanders Liebesaffäre mit Cassie. Deutlich wird vor allem das politische Versagen einer amerikanischen Elite, deren Vertreter zu Akteuren bestimmt waren, aber aus der Feigheit des Herzens nicht über ihre Rolle als billigende Zuschauer hinausgekommen sind – Alexander unterstützt im diplomatischen Dienst die Verniedlichung des Faschismus, schließlich als Botschafter die Beschwichtungspolitik Chamberlains; Moses Taney verkauft seine Zeitung, als er meint, nicht mehr seine politische Meinung sagen zu können: Die etwas weniger heldenhafte Variante der US-Amerikaner aus der Wacht am Rhein. Hellman, ganz das schlechte Gewissen ihrer Nation, wirft die Frage nach der Verantwortung des Einzelnen für seine eigene wie für die politische Geschichte auf.
Leidtragender, sprich Opfer, der Verantwortungslosigkeit ist schließlich der Sohn und Enkel Sam – übrigens die erste bedeutende Rolle von Montgomery Clift. Die letzte Szene spielt wieder 1944. Sam stellt dem eigennützigen Leben seiner Eltern die Erlebnisse seiner Kriegskameraden gegenüber. Er wird sich einer Beinamputation unterziehen müssen, und er macht eindeutig klar: Wir brauchen keine Lügen, keine Ausreden mehr.


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