Füchse jagen

Gert Heidenreich
Füchse jagen
Epilog auf das Jahr 1968
2 (5) D, 11 (27) H, Verw - Dek
"Füchse jagen" hieß in den späten Sechziger Jahren das Kommando, nach dem die Berliner Polizei demonstrierende Studenten aus der Menge holte und häufig brutal zusammenschlug. Einer der gejagten Füchse war Benno Ohnesorg.


1968 – Jahreszahl einer Revolte, die zur Legende geraten ist. In Gert Heidenreichs Stück wird dieser Aufstand der Studenten erfahrbar: Seine gesellschaftliche Bedeutung, seine Ursachen und Hoffnungen, aber auch seine verblüffende Naivität und menschliche Problematik.


Für die Bühne hat der Autor jenen Aufbruch politischer Utopien auf zwei wesentliche historische Figuren konzentriert: Rudi Dutschke, den sozialistischen Visionär, und Josef Bachmann, den kleinbürgerlichen Tagträumer, dessen Schüsse auf Dutschke bereits ins Ende der studentischen Bewegung und den Beginn eines breiten politischen Wandels fielen.


Die Generation der heute fast Vierzigjährigen ist um 1968 geboren worden; dies bedeutet, dass persönliche Geschichtskenntnis nicht mehr allgemein vorausgesetzt werden kann. Ein Stück mit diesem Hintergrund muss demnach eine genaue literarische Deutung der Zeit enthalten.


Wie in Heidenreichs Hiroshima-Stück DER WETTERPILOT ist die historische Grundlage auch in FÜCHSE JAGEN exakt recherchiert – präsentiert wird sie jedoch als Theater-Phantasie in – wie der Autor sie nennt – "begründeten Lügen".


Das Stück besteht aus einer Ouvertüre (Ermordung Ohnesorgs), drei, durch ein Zwischenspiel unterbrochenen, Akten und einem Epilog. Es verzichtet weitgehend auf die zwei auffälligsten Erscheinungsweisen der 68er-Bewegung: den Diskurs der Ideen – die Polit-Sprache jener Jahre hat ihre zündende Kraft längst eingebüßt – und den Auftritt demonstrierender Massen.


Statt dessen werden – von Satire zu Tragödie fortschreitend – in 32 Bildern die Stationen dargestellt, in denen Rudi Dutschke und Josef Bachmann unter den politischen Bedingungen der Sechziger Jahre, den Manipulationen der öffentlichen Meinung durch die Springer-Presse und dem revolutionären Ehrgeiz des Verlegers Feltrinelli nahezu konsequent aufeinander zusteuern: auf jene Bewegung, die für beide den Tod bedeutet.


FÜCHSE JAGEN ist das erste Theaterstück, das die Revolte von 1968 einer dramatischen Gesamt-Sicht und zugleich Innen-Ansicht unterwirft. Es ist darüber hinaus ein Stück, das die grundsätzliche Frage nach den individuellen Zielen und dem politischen Sinn revolutionären Verhaltens ins Zentrum stellt – damit notwendigerweise die Frage nach dem Umgang mit der Gewalt. Es steht bewusst in der Tradition jener deutschen Dramen, die vom Zerbrechen politischer Entwürfe handeln.



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