Westlich von Suez

John Osborne
Westlich von Suez
(West of Suez)
Stück in 2 Akten
Deutsch von Karsten Schälike
6 D, 10 H, St, 1 Dek
Westlich von Suez, auf einer subtropischen Insel, die weder Europa noch Afrika ist, verbringt der siebzigjährige Erfolgsschriftsteller Wyatt Gillman die Ferien im Kreise seiner vier Töchter und ihrer Ehemänner. Man hat sich sanft der gepflegten Monotonie hingegeben, nimmt Drinks in der Loggia einer großzügigen Villa, liegt in der Sonne, plaudert feinsinnig und mäandernd über das Wetter, Sex, die Touristen aus Amerika und über Großbritanniens glorreiche Vergangenheit als Kolonialmacht.

Die so glorreiche Vergangenheit des Empire ist jedoch vor allem eines: vergangen. Daheim wird Großbritannien von sozialen Tumulten erschüttert, in der Welt verliert es seine Kolonien. Auch Wyatt Gillman, egomanischer Vertreter der Upper-Middle-Class, fühlt sein Ende kommen. Während sich vor dem Anwesen bereits uniformierte Aufständische mit Maschinenpistolen versammeln, beschwört er in einem Interview mit einer jungen Journalistin noch ein letztes Mal die Eckpfeiler seiner Kultur: die Ordnung des Rechts, die Nächstenliebe und die Macht der Sprache...

„Westlich von Suez“ ist ein Stück über den Verfall – „not just of colonial empires“, wie John Osborne sagt, „but of emotional empires, too.“ Inmitten der kultivierten Langeweile einer intellektuellen High Society kündigt sich eine Umwälzung an, die weit über das Schicksal Großbritanniens hinausgeht: das Ende der westlichen Zivilisation und ihres wichtigstes Gesetzes – der Vernunft. Dass an die Stelle der Vernunft das archaische Gesetz des Blutes treten wird, das hat in der elitären Urlaubsrunde jedoch nur ein junger zorniger US-Student verstanden. Zu spät allerdings – die ersten Schüsse sind da bereits gefallen.


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