Kundendienst

Curth Flatow
Kundendienst
Farce in 15 Szenen
1 (4) D, 2 (3) H, Verw - Dek
Wenn ein Mann gleichzeitig mit drei Frauen verheiratet ist, dann ist er eigentlich gestraft genug. Aber Gilbert Dumont wurde deshalb auch noch zu Gefängnis verurteilt. Von mir ist er nicht verurteilt worden, denn ich weiß, dass Gilbert im Grunde nichts für seine mehrmaligen Besuche beim Standesbeamten kann, sondern Monsieur Lavallet (Lavallet Frères, alles für die Schönheit der Damen) und Denise, seine von ihm heißgeliebte Ehefrau. Gilbert dachte seit seiner Hochzeit nur an sie und vernachlässigte seine Kundschaft. Er machte zu wenig Umsatz, so dass er beinahe rausgeworfen wurde. Sein Chef gab ihm den Rat, sich doch etwas weniger um Denise, sondern mehr um seine Kundinnen, die Einkäuferinnen der großen Unternehmen, zu kümmern, sie mal einzuladen, zum Essen und Tanzen und so weiter. Aber dieses Undsoweiter erschreckte Gilbert, oder besser gesagt, er war entsetzt über diesen sozusagen erweiterten Kundendienst. Doch Denise fand das Undsoweiter gar nicht so schlimm, ohne an die Folgen zu denken. Ihr Mann würde ja alles, was er tut, nur für sie tun. Hauptsache, er verdiente endlich mal mehr Geld.


Gilbert gab sich einen Ruck, plünderte sein Sparschwein, kleidete sich chic ein, um schon durch sein Äußeres bei den Kundinnen Eindruck zu machen. Und er machte Eindruck. Und von Kundin zu Kundin gewann er mehr Selbstvertrauen. Er setzte ohne Scham seinen Charme ein. Und er kam an, seine Orderblätter füllten sich, und sein Chef strahlte zufrieden.


Die Blicke der Einkäuferinnen wurden immer liebenswürdiger, sie spürten instinktiv, an diesem Gilbert muss was dran sein, sein Charme und das andere auch. Zwei Chefinnen von großen Firmen verliebten sich in ihn und machten Riesenbestellungen. Dafür musste Gilbert auch im Bett der Damen Gastspiele geben. Sein Chef baute eine neue Fertigungshalle und verdiente soviel, dass er sich gestattete, sich von seiner "geliebten" Frau zu trennen.


Nach einer gewissen Zeit wurde die Situation dramatisch. Gilberts beide besten Kundinnen wollten ihn für sich allein, sozusagen exklusiv. Aber nicht nur das, sie wollten ihn auch noch heiraten. Gilbert hatte Gewissensbisse, aber er wusste, dass eine Ablehnung riesige Umsatzverluste bedeuten würde und seine Denise, die sich gerade einen neuen Sportwagen bestellt hatte, sollte nicht unter seinen Schwierigkeiten leiden. So sah er sich gezwungen, nicht nur mit Madame Isabelle, sondern auch mit Jeanne Renard zum Standesamt zu gehen.


Nun musste er sich seine Zeit einteilen. Dass er Vertreter war und viel unterwegs sein musste, kam ihm dabei gelegen. Zwei Tage in der Woche war er Isabelles Gatte, zwei Tage Jeannes Gemahl und zwei Tage der richtige Mann seiner richtigen Frau. Eine Weile ging das gut, aber dann musste er ins Krankenhaus, sich die Mandeln rausnehmen lassen, und durch einen Fehler seines Pflegers kam heraus, wo er lag. Und weil er liegen musste, musste er sitzen. Denn seine drei Frauen besuchten ihn natürlich, lernten sich kennen, und jede merkte, dass sie nicht die einzige war. Wütend zeigten sie Gilbert an, und nun saß er im Knast, verständnisvoll betreut von Thibaut, dem Gefängniswärter, dem er alles erzählt hat, was wir erleben. Aber dann passierte etwas Merkwürdiges. Seine einst auf ihn so wütenden Frauen schrieben ihm Liebesbriefe, jede wollte ihn abholen und "heimholen", und vor dem Gefängnistor stießen sie mit ihren Autos zusammen.


Gilbert musste das Gefängnis durch die Hintertür verlassen, um zu der Frau zu gelangen, die er auf seinen Reisen kennengelernt hatte und die an ihn keine standesamtlichen Bedingungen stellte.



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