Einmal hast du Flügel

Charles Lewinsky
Einmal hast du Flügel
Theaterstück
2 H, 1 Dek
Zwei alte Männer erinnern sich. So einfach und harmlos könnte man den Inhalt dieses Dialogs beschreiben. Aber Erinnerung ist mehr als ein verblasstes Bild, an dem man, wie durch ein Museum der eigenen Vergangenheit, vorbeischlendert. Vor allem, wenn es eine Erinnerung ist, die auch nach Jahrzehnten immer noch nicht verarbeitet ist, voller schrecklicher Geschehnisse, die man nicht wahrhaben will und doch nicht vergessen kann.


Zwei Brüder, Psychologe der eine, Inhaber eines Kleidergeschäfts der andere, beide längst im Ruhestand, treffen sich an einem Ort, wo sie als Kinder Traumatisches erlebt haben. Ihre Eltern hatten sie damals auf einem Bauernhof untergebracht, um sie vor einer nie exakt definierten Verfolgung zu bewahren, und man hat sie dort, hilfsbereit und ablehnend zugleich, tagelang in einem Brunnenschacht versteckt.


Ihr Gespräch kreist in immer neuen Wendungen und Ausflüchten, auf immer neuen Umwegen um dieses zentrale Ereignis. All die Jahre haben sie nie darüber gesprochen, sie wollen sich nicht daran erinnern, weil es zu schmerzhaft ist, und doch lässt es ihnen keine Ruhe. Unerbittlich drängt sich ihnen die quälende Erinnerung auf.


Die dramaturgische Spannung dieses abendfüllenden Einakters liegt in der Frage, die sich dem Betrachter immer drängender stellt: Was ist damals passiert, was war so schlimm, dass die beiden sich bis heute schuldig fühlen, obwohl sie doch selber Opfer waren?


Beim Versuch, sich diesem Punkt zu nähern und ihm doch immer wieder auszuweichen, schlüpfen die beiden wiederholt in die Rolle ihrer früheren Existenz. Zwei alte Männer erinnern sich. Zwei alte Schauspieler werden wieder zu Kindern.


 


Textauszug


A Es konnte auch sein, dass sie an der Grenze auf uns warteten.


B Es konnte auch sein, dass ihnen Flügel gewachsen waren. "Kann sein" gehört nicht auf die Liste. Ein Bauer. Ein Neffe.


A Ein Fuhrwerk mit Mist. "Das durchsuchen sie nicht", hat er gesagt.


B Also. "Mein Neffe bringt euch über die Grenze." Und was noch?(A antwortet nicht.) Was hat er noch gesagt?


A "Jetzt müsst ihr so leise sein wie noch nie." "Ihr zwei seid groß genug", hat er gesagt. "Ihr könnt euch selber am Seil festhalten."


B "Ich nehme die Kleine", hat er gesagt.


A Hat sie einfach genommen.


B Sie ist aufgewacht, und da war ein fremder Mann.


A Es war sein Fehler.


B Er wollte helfen.


A Er hat sie zu fest gepackt.


B Er wollte helfen. Hat uns über die Grenze geschmuggelt. Obwohl er uns gar nicht kannte.


A Sie wacht auf, und da ist ein fremder Mann.


B Der Neffe des Bauern.


A Ein Mann mit rauhen Händen. Der sie festhält. Sie muss gedacht haben, wir hätten sie weggegeben. Einfach verschenkt. Wie etwas, das man nicht mehr braucht. Das im Weg ist.


 



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