Ein ganz gewöhnlicher Jude

Charles Lewinsky
Ein ganz gewöhnlicher Jude
Monolog einer Abrechnung
1 H, 1 Dek
"Wir behandeln im Sozialkundeunterricht gerade die Juden", schreibt ein gutmeinender Lehrer an die jüdische Gemeinde. "Nur kenne ich leider keinen Juden persönlich, und deshalb wäre es nett, wenn Sie mir einen vorbeischicken könnten, der den Schülern was erzählt."


Dieser Brief - so, oder so ähnlich, wird er in Deutschland jede Woche ein paar Mal geschrieben - erreicht den Journalisten Emanuel Goldfarb. Für ihn ist es klar, dass er der Einladung keine Folge leisten wird; er hat keine Lust, sich von einer Schulklasse bestaunen zu lassen wie ein selten gewordenes Spitzmaulnashorn.


Der Versuch, seine Absage nicht nur zu formulieren, sondern auch zu begründen, gerät ihm zur Generalabrechnung mit der Situation des Juden im Nachkriegsdeutschland. Wortreich, pointiert und manchmal zynisch beschreibt er das Spannungsfeld zwischen altem Antisemitismus und neuer politischer Korrektheit und kritisiert das Wiedergutmachungsritual der permanenten öffentlichen Vergangenheitsbewältigung, die für ihn wieder nur eine Sonderrolle bereit hält: die des wortreich bedauerten Opfers.


Und dabei möchte Emanuel Goldfarb doch nichts lieber sein als ein ganz gewöhnlicher Deutscher. Ein ganz gewöhnlicher Jude.


Der pointierte Monolog - Beichte ebenso wie Brandrede - schlägt den Bogen auch zum Privaten. Aus seiner eigenen Biografie, der gescheiterten Ehe mit einer Katholikin und der problematischen Beziehung zum gemeinsamen Sohn, leitet Goldfarb die Unmöglichkeit ab, die durch eigene Tradition ebenso wie durch fremde Vorurteile festgelegte Rolle abzustreifen. "Zuviel Geschichte", resigniert er. "Das ist das jüdische Problem."


Ob er die Einladung zu einem Schulbesuch schließlich doch annehmen wird, bleibt offen. Vielleicht lässt sich ja wenigstens der nächsten Generation vermitteln, dass es an ihr liegt, ob es in Deutschland je wieder einen ganz gewöhnlichen Juden geben kann. Denn das ist sein Fazit: "Antisemiten würgen, Philosemiten umarmen. Und bei beiden bleibt mir die Luft weg."



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