November

David Mamet
November
(November)
Farce in 3 Akten
Deutsch von Bernd Samland
1 D, 4 H, 1 Dek
Der Fisch fängt vom Kopf an zu stinken. So auch der Staat. So auch in "November." Ein schicksalsträchtiger Monat in den USA, wird doch am vierten Donnerstag im November Thanksgiving gefeiert, das lange Truthahn-Dinner ein Prüfstein für so manche strapazierten Familienbande. Und am ersten Dienstag nach dem ersten Montag im November finden alle vier Jahre die Präsidentschaftswahlen statt. Mamet hat über diese heiligen Kühe eine Farce verfaßt. In allem Ernst. Denn was wir immer geahnt haben, seit Nixon mit Kissinger zum Beten auf die Knie gesunken ist, um gleich darauf in wüsteste Flüche zu verfallen: Das Weiße Haus ist auch nur eine Pension Schöller. Und jedes Irrenhaus ist, wie wir seit Peter Weiss wissen, auch zeichenhaft, allegorisch zu lesen. Und jede Farce sowieso.


Der amtierende US-Präsident Charles Smith sieht eine Woche vor der erhofften Wiederwahl seine Felle davonschwimmen. Die Umfrageergebnisse im Keller, die Wahlkampfkasse leer; es hat nur noch für zwei TV-Spots gereicht. Seine Parteifreunde rücken von ihm, dem wahrscheinlichen Loser, ab und wollen kein Geld mehr rausrücken. Nicht einmal eine Bibliothek, die, wie er meint, jedem scheidenden Präsidenten verfassungsmäßig zustehe, wollen sie ihm spendieren. Und nein, die Couch aus dem Weißen Haus darf seine Frau Cathy nicht mitnehmen.


Geld muß her. Da kommt der Vertreter des Verbandes der Truthahnzüchter gerade recht. Ist es doch seit dem Zweiten Weltkrieg so Sitte, daß der Präsident medienwirksam einen Truthahn begnadigt, wofür der Verband Geld spendet. Fünfzigtausend Dollar aber machen den Kohl nicht fett. (Der einzige Hinweis auf den nicht wieder wählbaren augenblicklichen Amtsinhaber ist ein Kalauer: "bourgeois" wird phonetisch zu "BUSHwas".) Diesmal kommt der Truthahn-Heini mit zwei Vögeln, da im letzten Jahr einer kränkelte; sofort steigt der Preis auf einhunderttausend Dollar. Und sofort setzen Hochrechnungen ein; wenn ein Pfund Truthahn an die zwei Dollar kostet, wenn mindestens einhundert Millionen Amerikaner zu Thanksgiving Truthahn essen, könnte doch der Verband zweihundert Millionen ("cash") springen lassen. Wenn nicht, so droht der Präsident, wie immer bei Hochverrat, mit Verbannung nach Bulgarien.


Als der Truthahn-Heini nicht auf den Deal eingeht, sucht der Präsident nach anderen Geld- und Nahrungsquellen. Wie wär's mit den Schweinefleischproduzenten? Aus historischen Quellen könnte doch belegt werden, daß die Pilgerväter zu Thanksgiving Schwein gegessen haben. Und sofort kommt der Schweinezüchterverband ins Spiel. Als auch das nichts bringt, kommt Smith auf die Idee: Die Pilgerväter könnten doch Thunfisch gegessen haben. Und er ruft sofort den Native American Dwight Grackle an; der will aber nur etwas unternehmen, wenn er und sein Stamm der Micmac die Insel Nantucket zurückerhalten, die ihnen eigentlich seit dem Porcupine (Stachelschwein) Cove Vertrag gehört; dort soll dann, wie bei Indianern inzwischen üblich, ein Spielcasino errichtet werden. Klappt aber auch nicht.


Währenddessen ist die von Smith und Brown so arg vermißte Redenschreiberin Clarice Bernstein aus China zurückgekehrt, wo sie ein Baby weiblichen Geschlechts "gekauft", also adoptiert hat, das sie mit ihrer Partnerin Daisy zur Familienbildung haben wollte. Bernstein niest andauernd; hat sie aus China etwa auch die Vogelgrippe eingeschleppt, wie der Truthahn-Heini befürchtet? Ms. Bernstein will auf die Wünsche ihres Dienstherrn nach einer knackigen Wahlkampfrede nur eingehen, wenn er sie mit ihrer Partnerin Daisy verheiratet, also zwei Lesben traut. Vor den Fernsehkameras der Nation. Als das der Truthahn-Heini erfährt, zieht er die inzwischen genehmigte Spende von zweihundert Millionen Dollar zurück.


Alles scheint zu platzen, denn auch die beiden Truthähne können nicht mehr begnadigt werden - sie sind inzwischen tot. Krepiert nicht an der Vogelgrippe, sondern verendet, weil die Scheinwerfer zu heiß waren. Alles scheint umsonst gewesen zu sein.


Doch da naht quasi als reitender Retter Dwight Grackle, um sich am Präsidenten für dessen Beleidigungen am Telefon zu rächen. Er schießt aus seiner vermeintlichen Friedenspfeife einen Giftpfeil ab, trifft aber Bernstein, die sich für ihren Dienstherrn in die Bresche wirft und tot zu Boden sinkt. Stellt sich heraus, das chinesische Amulett hat ihr das Leben gerettet.


Versöhnung auf ganzer Linie. Smith wird Bernstein mit Daisy trauen, auch wenn es gegen das Gesetz ist. Executive power eben. Und Dwight und die Micmac Nation erhalten Nantucket zurück, um dort mit Charles Smith ein Casino zu errichten. Deshalb lauten die letzten Worte des noch eine Woche das Amt bekleidenden Präsidenten, es sind die letzten Worte des Stücks: "Jesus, I Love this Country!!!" Und so kommt zum guten Ende alles unter einen Hut; ist das nötige Geld vorhanden, wird am Ende alles gut.



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