The Gnädiges Fräulein

Tennessee Williams
The Gnädiges Fräulein
2 Szenen
4 D, 2 H, 1 Dek
Für Polly, Klatschspalten-Kolumnistin der „Cocaloony Gazette“, ist Mollys kleine Pension „The Big Dormitory“ eine echte Fundgrube. Allein schon der Bewohner „Indian Joe“ – ein Indianer wie aus Karl Mays feuchten Fieber-träumen: parfümiert, die Haut blassgolden, Tomahawk in der Hand und Feder im blonden Haarzopf – wäre eine Titelgeschichte wert. Polly und Molly, die auf der Veranda ekstatisch auf ihren Stühlen schaukeln und verbotene Substanzen rauchen, können sich noch so sehr über dieses Klischee eines Klischees lustig machen – insgeheim begehren sie den sanften Pseudo-Ureinwohner dennoch.

Die wahre Attraktion ist jedoch das Gnädige Fräulein: Sängerin und Varieté-Künstlerin aus dem fernen Reich der Habsburger, berühmt geworden durch eine artistische Nummer mit fliegenden Fischen und einer abgerichteten Robbe, tief gefallen in einem Moment blinder Liebe für einen Wiener Dandy namens Toivo. Jetzt, gut 40 Jahre später, muss das Gnädige Fräulein mit den Cocaloonies, einer bizarren Mischung aus Pelikanen und Hitchcocks Vögeln, um ihren Unterhalt kämpfen: Aus den Müllbergen am Hafen sind Molly drei Fische pro Tag abzuliefern, doch Cocaloonies sind geschwind, sie sind viele, und ihre Schnäbel sind scharf – ein Auge hat das Gnädige Fräulein bereits verloren…

Artauds Theater der Grausamkeit, Warhols Comic-Kunst, die ätzende Sprach-zersetzung eines Ionesco und die kompositorische Strenge eines kubistischen Gemäldes – „The Gnädiges Fräulein“ ist ein theatrales Vexierbild, aus jedem Winkel erschließt sich eine neue Dimension. Im Mittelpunkt steht eine der vielleicht radikalsten Figuren im Werk von Tennessee Williams: Mit dem Gnädigen Fräulein, einer nahezu stummen, fast animalischen Figur, deformiert und parodiert Williams nicht nur schonungslos sein tragisches Leitmotiv der Southern Belle, sondern führt sein eigenes Theater bis scharf an die Grenzen der Repräsentation.


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