Ein Kunstwerk

Tim Crouch
Ein Kunstwerk
(England. A Play for Galleries)
Ein Stück für Galerien
2 Räume einer Kunstgalerie
Deutsch von Bernd Samland
1 D, 1 H
"One has to have died already to be there." So das dem Stück beigegebene Zitat aus Inside the White Cube (1976) von Brian O'Doherty. Die weiße Zelle: der Ausstellungsraum. Im Museum. In einer Galerie. O'Doherty hat, wie Fachleute meinen, als erster die dramaturgische Rolle des Publikums in einer Ausstellung thematisiert.

In der Galerie viele Besucher (wollen wir doch hoffen) und zwei Schauspieler – ein Mann, eine Frau – als Ausstellungsführer. Zunächst das übliche Geplänkel mit "Danke schön", "Meine Damen und Herren". Doch dann, in der sechsten und siebten Zeile der Textanordnung, fallen zwei Sätze, die – eine Sprecherzuordnung männlich/weiblich ist nicht vorgeschrieben: sind es zwei Stimmen einer Figur? – als Generalbass, ja als basso continuo bzw. ostinato sich erweisen werden. Ohne erst groß aufzufallen. "Ohne Sie wäre ich gar nicht hier." "Sie haben mir das Leben gerettet!" Diese Sätze nehmen im Verlauf der Galerieführung eine ganz andere Bedeutung an. Textflächen, der Alltagssprache entlehnt und rhythmisiert, gegen Bildflächen.

"Bilder werden Worte" nannte Wolfgang Max Faust vor dreißig Jahren seine Studie "Zum Verhältnis von bildender Kunst und Literatur im 20. Jahrhundert oder Vom Anfang der Kunst im Ende der Künste", ein bis heute maßstabsetzender Text zur Konzept-Kunst. Tim Crouch, ist das postdramatisches Konzept-Theater?

Ohne die Kunst an den Wänden aus den Augen zu verlieren, erzählt "sie" – das dürfen wir annehmen – "ihm" aus ihrem Leben. Ihr Freund ist Kunsthändler, US-Bürger, aber gebürtiger Niederländer. Er rast durch die Welt von Auktion zu Auktion, immer auf der Suche nach wertvoller Kunst für seine Klienten. Ohne ihn könnte sie sich das teure Leben in London nicht leisten. Ohne Kunst(Handel) kein Leben für sie. Bei ihnen zu Hause hängt Willem de Kooning an der Wand. Und England, was für ein schönes Land. "Die Kunst ist gut, die sich gut verkauft", sagt ihr eltbürgerlicher (früheres Wort für "globalisierter") Freund immer. Die Galerieführung geht unmerklich merklich über in ihre Lebensgeschichte: Die Frau ist schwer herzkrank. Todkrank. Und die Kunst an den Wänden in der Arztpraxis, im Krankenhaus, hat einen therapeutischen Effekt. Behauptet sie: die Kunst, die Frau.

Im zweiten Akt, "aufgeführt" in einem anderen Raum der Galerie, gehorcht der Text in seiner Logik eher den Gesetzen des Theaters. "Sie" besucht nach einer erfolgreichen Herztransplantation die Witwe des Organspenders Hassam. Irgendwo im Süden, Schwellenland, Entwicklungsland, "Dritte Welt". Ein Herz hat seinen Preis, ein Kunstwerk hat seinen Preis. Transplantation und Transaktion gehen Hand in Hand. Sie schenkt der Witwe zum Dank ein Kunstwerk.
Hassam ist aber nicht einem Unfall erlegen, wie der englischen Frau erklärt worden war, sondern gezielt erschossen worden. Ein Agent hat den ganzen Deal eingefädelt. Bei der Witwe, die ihren toten Mann nicht beerdigen konnte, ist von der horrenden Summe kaum etwas angekommen.
Das wäre weiter nichts als ein für die Erste Welt beschämendes Rührstück. Wäre Tim Crouch nicht auf den genialen Gedanken gekommen, zwischen Frau und Witwe, die selbst nie zu Wort kommt, einen "Interpreter" einzuschalten, einen Dolmetscher, der das übersetzt, was an Sätzen zwischen diesen beiden Frauen fällt. Und der dabei natürlich nicht nur verkürzt, zusammenfasst, sondern auch verfälscht, ins Gegenteil verkehrt und für fruchtbare und furchtbare Missverständnisse sorgt. Zwar entfällt hier auf den ersten Blick die dialektische Beziehung zwischen Kunst und Leben, doch subkutan existiert sie weiter. Ganz im Sinne von Tim Crouch. Denn Kunst, Theater ist Selbstbehauptung. Wo Blut fließt, fließen Geld und Tränen. Was für ein Konzept!

"Was hat sie gesagt?" lautet der letzte Satz der Frau mit dem transplantierten Herzen, ihre Frage an den Dolmetscher. Hassams untröstliche Witwe hatte wissen wollen: "Darf ich Sie berühren?"

Natürlich darf sie. Aber kann uns Tim Crouch mit seinem Text berühren, der zwischen kühlem Konzept und menschlich-allzumenschlicher Geschichte angesiedelt ist? Ja, kann er. Mit zwei Darstellern, die sich der Musikalität seiner Sprache hingeben und den kühlen Kopf seiner Konstruktion bewahren. Dann geht das Konzept auf. Wie die Kritiken der Uraufführung bezeugen.

Als Autor, Schauspieler und Performer bleibt Tim Crouch sich und seinen künstlerischen Interessen auch mit diesem Text treu. England komplettiert – nach Mein Arm und Die Eiche seine theatrale Recherche der Möglichkeiten, die sich an den Überschneidungen von Bildender Kunst, Performance und Drama eröffnen, zu einer Trilogie. Auf der Suche nach der verlogenen Zeit: Heute.

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