Bühnenzauber

Pierre Corneille
Bühnenzauber
(L'illusion comique)
Komödie in 5 Akten
Deutsch von Rainer Kohlmayer
3 D, 10 H, Verw - Dek
Ein Vater, der seit zehn Jahren verzweifelt und voller Reue seinen Sohn sucht, der vor seiner brutalen Strenge von Zuhause weggelaufen war, wird von einem Freund in die Höhle des weisen Magiers Alkander gebracht. Der verspricht ihm, seinen Sohn geistergleich vor ihm erscheinen zu lassen, um ihm dessen Leben seit der Flucht bis zu seinem gegenwärtigen Ruhm vor Augen zu führen. Zunächst sieht der Vater, wie sein Sohn Clindor in Bordeaux unter anderem Namen (Monsieur de la Montagne) im Dienst des größenwahnsinnigen Feldherrn Matamore steht, dessen Angebetete (Isabelle) für sich gewinnt und einen Rivalen ersticht, wofür er ins Gefängnis geworfen wird und hingerichtet werden soll. Danach sieht er, wie sein Sohn von seiner geliebten Isabelle und einer Freundin aus dem Kerker befreit wird. Der vom Zauberer versprochene Höhepunkt des Ruhmes seines Sohns scheint dann sein Aufstieg zum Freund eines Fürsten zu sein, dessen Frau er verführt, wofür er von den Soldaten des Fürsten ermordet wird – vor den Augen von Isabelle, die als künftige Gespielin des Fürsten gewaltsam abgeführt wird. Der Vater ist bereit, seinem Sohn in den Tod nachzufolgen, sein Schmerz wird vom Zauberer sogar noch gesteigert, indem er ihm schließlich die Bestattung des Sohnes vor Augen führt.

Der Vorhang geht auf, und man sieht, dass der Sohn zu der kleinen Schauspielertruppe gehört, die den ganzen Zauber aufgeführt hat. Friedlich sitzt das Ensemble beisammen und verteilt die Einnahmen. Der Vater ist über die Berufswahl des Sohnes zunächst zwar bestürzt, lässt sich aber vom Magier über die wachsende Bedeutung des Theaters und den Adel des
Schauspielerberufs belehren. Die unwiderstehliche Kunst des spielerischen Als-ob hat er selbst wie auch das Publikum ja soeben erfahren.

Das Stück des 29jährigen Corneille ist vielleicht von Shakespeares Tempest beeinflusst, den er als Heranwachsender in Rouen hätte sehen können. Andererseits spielt Corneille auch mit dem traditionellen barocken Motiv vom Leben als Theater. Aber er macht daraus ein einzigartiges Fest der Fantasie, das sich über alle Grenzen von Ort und Zeit hinwegsetzt, das alle Gefühle
durchmisst, angefangen vom Lachen über die Gefühle der Spannung und Angst bis hin zum tragischen Entsetzen. Theater als Katharsis, als reinigendes Gefühlsbad, das die Seele verwandelt; als Bühnenzauber, der die Welt „bewegt“ in den Schlussworten des belehrten, bekehrten Vaters: „Der Bühnenzauber, den du hier vor mir getrieben, / ist mir auf ewig in die Seele eingeschrieben.“

Angesichts von Corneilles dramatischer Souveränität weiß man nicht, was man mehr bewundern soll – die unterschiedlichen Charakterzeichnungen, die Transparenz und Leichtigkeit der Sprache, auch wo es um existentielle Probleme geht, die Widersprüche zwischen und innerhalb der Figuren, das plötzliche Umkippen des erotischen Zwiegesprächs in ein tragisches Ende, nicht zuletzt die großartige Vision vom Theater als Stätte der psychischen Wahrheit und Selbsterkenntnis.

Es ist ein Stück, in dem das Theater – die „illusion comique“, die theatrale Illusion, die Verzauberung durch die Kunst – selbst zum nachdenklichen Akteur wird und einen der größten Triumphe der Theatergeschichte feiert: in der Evidenz und in der Reflexion, im Augenschein und in dessen Aufdeckung beweist das Theater seine Macht und seine Notwendigkeit.

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