Die Nullen

Pavel Kohout
Die Nullen
(Nuly)
Beiläufiger Bericht für Dummköpfe
Deutsch von Karl-Heinz Jähn
4 D, 6 H, 1 Dek
„Die Nullen“ wirft einen schmerzhaften Blick auf die Mythen der Freiheit nach Ende des Kalten Krieges aus dem ungewöhnlichsten Blickwinkel, den man sich vorstellen kann: einem öffentlichen Klo.

Seit seiner Jugend verbringt Jarda sein Leben als Ordnungs- und Reinigungskraft in den Toiletten am Prager Wenzelsplatz. Während sich oben in den Platz die Geschichte einschreibt, dringen in das stillen Örtchen unter der Erde nur die Geräusche der Veränderung: die Kaffeehausmusik der 40er Jahre, die heiseren Rufe der Mai-Märsche, das Hochleben der wechselnden Präsidenten, die Schüsse der Aufstände …

Im Lauf der Jahrzehnte stolpern SS-Männer und Gardisten, Milizionäre und Revolutionäre, Regierungsgorillas und Dissidenten, Staatsoberhäupter und Huren, Dichter, Polizisten, Adlige und Krüppel die steilen Stufen hinab, um alle, gleich welchen Regimes, das gleiche Bedürfnis zu befriedigen. Zwischen Klobecken und weißen Wänden erschaffen Jarda und seine Frau Ančina mit der Zeit eine unterirdische Heimat. Unter ihrer elterlichen Obhut gedeiht eine kleine liebenswerte Gemeinschaft von „Nullen“, die füreinander sorgt und den Zeiten trotzt: Da ist die „Gräfin“, die ihr Hab und Gut in einem Einkaufswagen verwahrt; die ehemalige Hure Vlasta, die sich des Romamädchens Elvira annimmt; der „berühmte“ böhmische Dichter Leopod; die Brüder Miloš und Bohuš, der eine lahm, der andere stumm; Ruda, einst „Parasit“, dann Bettlerkönig, schließlich „Kuponprivatisierer“.

Aber die neuen Zeiten gehen auch an der kleinen Notgemeinschaft nicht vorbei, und die neue Freiheit fordert ihren Preis: Die Rückgabe des Eigentums bringt verschollene Kinder zurück, die Besitz fordern, die neue Liebe wird als Heiratsschwindel entlarvt, und die Bettler jammern, dass selbst die Kommunisten besser waren als die rumänische Mafia. „Was hin ist, ist hin, was gewesen ist, ist gewesen“, sagt die Gräfin, als die Gemeinschaft zerfällt.
Schließlich kommt auch für Jarda das dicke Ende: Seine Ančina entpuppt sich als Spitzel, die ihm einst zugeteilt wurde, um das kleine unterirdische Kloimperium zu beobachten. Seine Welt bricht zusammen: sein Geschäft, sein Ein und Alles, von der Polizei finanziert!

„Es ist eine Schaukel, dieses freie Leben. Eine heiße und eiskalte Dusche“, sinniert der alte Klomann. „Alles darf man, alles kann man. Nur eins gibt dir selbst das beste Regime nicht, Glück!“ Da aber nun selbst das Glück im Ausverkauf steht, sich hinter den sozialen Bindungen Doppelbödigkeit und Berechnung offenbaren, kommt Jarda zu dem Schluss: „Wir erleben in dieser totalen Freiheit genau das, was wir uns leisten können. – Null.“


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