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Nun ist es also wirklich wahr: DIE KÜSTE UTOPIAS von Tom Stoppard startete mit Teil I der Trilogie, AUFBRUCH, die Deutschsprachige Erstaufführung am Staatstheater Wiesbaden in der Übersetzung von Wolf Christian Schröder. „Es grenzt an ein Wunder, dass es dem britischen Dramatiker Tom Stoppard gelungen ist, aus diesem Stoff ein mitreißendes, ja teilweise sogar urkomisches Theaterstück zu machen,“ heißt es begeistert in einer Rezension des SWR 2 zur Premiere des ersten Teils von seinem gewaltigem, dreiteiligem Epos DIE KÜSTE UTOPIAS. Und ein zweites Wunder ist es, dass dieses Werk achtzehn Jahre nach der Londoner Uraufführung nun seine Deutschsprachige Erstaufführung erlebt. Am Staatstheater Wiesbaden feierte AUFBRUCH am 8. September eine bejubelte Premiere, und im Laufe der Spielzeit werden auch die anderen beiden Teile der Trilogie SCHIFFBRUCH und BERGUNG folgen. Im Rahmen der Maifestspiele 2021 sollen dann alle drei Teile an einem Tag an etlichen Terminen zur Aufführung kommen.

Publikum und Presse zeigten sich gleichermaßen beeindruckt von Tom Stoppards „Umwälzungs- und Welt-Neuerfindungs-Epos“ in der rasanten und bildstarken Inszenierung der Regisseurin Henriette Hörnigk. In seinem dreiteiligen Mammutwerk lässt Tom Stoppard die vorrevolutionären Diskurse im Russland des 19. Jahrhunderts Gestalt annehmen, und damit gelingt ihm in den Augen des Kritikers Michael Laages „ein virtuoses Spiel mit den Masken der Jahrhunderte“ (Nachtkritik, 09.09.2020). Großes Lob erhielten Regisseurin Henriette Hörnigk und ihr Team (Gisbert Jäkel – Bühne, Claudia Burchard – Kostüme, Bernd Bradler – Musik) und das großartige, spielfreudige Wiesbadener Ensemble, die Tom Stoppards Kosmos mit Verve, Tempo und viel Witz eine vitale Bühnenpräsenz verleihen und Lust auf die weiteren Teile der Trilogie machen: „Regisseurin Henriette Hörnigk findet zu einer leichtfüßigen Lesart“ und „braucht nur Sekunden, um uns mit dem Blick in den lustigen, lauten, lebhaften Haushalt Bakunin zu fesseln,“ schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau, und Eva-Maria Magel zeigt sich in der FAZ begeistert vom Ensemble: „Die feurigen jungen Damen und Herren parlieren so schön über die Wirklichkeit, den Geist, das Ich, Liebe, George Sand und den deutschen Idealismus, dass das ein oder andere Bonmot wirklich sitzt.“

Und darin sind sich alle Rezensionen einig: Tom Stoppards brillante Trilogie, die das Aufkommen visionärer Gesellschaftsutopien mit der Familiensaga der Bakunins verschmilzt, schlägt den Bogen bis in die Gegenwart: „Stoppard schaut auf die konkrete Geschichte, aber Bezüge zum Heute drängen sich ihm und uns auf.“ (Frankfurter Rundschau, 10.09.2020).


Monologe, in der Regel eher zögerlich zur Kenntnis genommen, sind nun aus unerahnt theaterpraktischen Gründen von größtem Interesse. O tempora, o mores!

Arnold Weskers kurz vor der Pandemie zum ersten Mal übersetzter Einakter DIE GELIEBTE erntet Bewunderung bei Schauspielerinnen, die nun auch darauf bauen können, dass er auf den Spielplan gesetzt wird. Weskers berühmte Frauenmonologe ANNIE WOBBLER, BETTY LEMON, BFdJ und MEINE MUTTER LEBTE AUF EINEM ANDEREN STERN sollten neu gelesen werden.

Tim Crouchs Shakespeare-Pentalogie ICH, SHAKESPEARE (I, Shakespeare, Deutsch von Klaus Chatten) findet erweiterte Realisierungschancen in der Kondensierung von fünf Hauptwerken Shakespeares im Monolog jeweils einer berühmten Nebenrolle.

In „Was ihr wollt“ will Malvolio sich das Leben nehmen.

In „Der Sturm“ besingt Caliban seine Einsamkeit.

In „Ein Sommernachtstraum“ träumt Erbsenblüte einen Traum.

In „Julius Cäsar“ schreibt Cinna ein Gedicht.

In „Macbeth“ spricht Banquo aus dem Jenseits.

Ungewollt sorgt Tim Crouch dafür, dass man auch in den augenblicklich ungewöhnlichen Zeiten für das Theater seine Lust auf Shakespeare nicht verlieren muss. Klaus Chatten: „Dabei gelingen ihm kleine theatralische Meisterwerke, Konzentrate der großen Klassiker in einer neuen Spielform, denen allen Zweierlei zu eigen ist: Sie sind ganz autonome Petitessen und lassen trotzdem und gleichzeitig in ihrer kongenialen Verdichtung beinahe vergessen, dass man Shakespeares Stoff nicht als Ganzes sieht – ein großer Bühnenspaß mit Tiefgang, immer spielerisch, mit großem Respekt vor dem Original und doch innovativ und ganz heutig. Eine Herausforderung und ein Geschenk an fünf Schauspieler, denen ein spannender Theaterabend abverlangt wird und die dieses Geschenk an die Zuschauer weitergeben können.“

Eric Bogosian, bekannt geworden durch sein verfilmtes Theaterstück TALK RADIO und seinen Auftritt mit NOTIZEN AUS DEM UNTERGRUND, präsentiert seine geselllschaftskritischen Monologe genau wie Tim Crouch als bühnenerfahrener Entertainer. Er hat sie in New York alle selbst gespielt und unter Titeln versammelt wie: SEX DRUGS ROCK & ROLL und MIT DEM KOPF SCHLAGE ICH NÄGEL IN DEN BODEN.

Martin Sherman, Autor von BENT, hat den Monolog in zwei Akten ROSE geschrieben, den Monica Bleibtreu in Hamburg, Wien und Berlin auf die Bühne gebracht hat.

Rachel Corries MEIN NAME IST RACHEL CORRIE ist in seiner Erfahrung mit der Spaltung Palästinas wie Martin Shermans ROSE kein bisschen weniger aktuell geworden. Und Penelope Skinners Monolog AGGRO ALAN ist kein bisschen weniger auf dem neuesten Stand männlicher Empfindung gegen ein Überhandnehmen von Frauendominanz bis in alle beruflichen und persönlichen Verhältnisse hinein. Geschlechtsspezifisches Durchdrehen hat Dieter Kühn mit seinen Monologen ROLAND DREHT DURCH und VILMA PENDELT

Mit der Komödie BEWERBUNGEN, verfilmt mit Hannes Messemer unter dem Titel "Joseph Fouché – zu dienen" lässt Rolf Schneider Fouché aus dem Halbschatten der Geschichte ins grelle Bühnenlicht treten. ICH, GRÄFIN LARISCH oder DIE WAHRHEIT ÜBER MAYERLING, die historisch uneheliche Tochter eines Herzogs von Bayern und Nichte der berühmten Kaiserin Elisabeth von Österreich, genannt Sissi, erzählt als 80-jährige Frau 1940 in einem katholischen Altenstift ihre abenteuerliche Lebensgeschichte in Österreich, Ungarn, England, Frankreich und den USA und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund.

Der Monolog DER FENSTERPUTZER von Kerstin Hensel ist als Spiel mit zwei stummen Partnern geschrieben: mit Hermann Wasserfalls zweitem Ich, verkörpert durch die Jacke, abends abgelegt nach der Arbeit, und Dorothys Schattenbild in dem blinden Spiegelfenster seines Zimmer. Er hat Angst, abgeholt zu werden wie seine Kollegen, weil die beim Fensterputzen im Rathaus Sitzungen ausspioniert haben könnten.

Stars der Monolog-Autoren aber bleiben Rainer Lewandowski mit HEUTE WEDER HAMLET, Alessandro Baricco mit NOVECENTO - DIE LEGENDE VOM OZEANPIANISTEN und Charles Lewinsky mit EIN GANZ GEWÖHNLICHER JUDE, der nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz, sondern auch in Spanien, Mexiko und Argentinien gespielt wird und in Frankreich geplant ist.


Charles Lewinsky ist aber auch ein Meister des Zweipersonenstücks, dessen überraschender Fülle und Vielseitigkeit man sich jetzt ebenso zuwendet wie den Monologen. Sein neuestes Zweipersonenstück – nach EINMAL HAST DU FLÜGEL und DIE BESETZUNG – ist die Komödie DRUNTER UND DRÜBER, in der Klara und Anton die Angabe ihres gesellschaftlichen Stands ins Gegenteil verkehren: Drunter und drüber. Und je näher sie sich kommen, desto weniger schaffen sie es, sich aus dem eigenen Lügengebäude wieder zu befreien – mit immer komischeren Konsequenzen. Nur in einem Sanatorium, wo man den ganzen Tag im Trainingsanzug herumläuft, und keiner dem anderen ansieht, ob er reich oder arm ist, Chef oder Angestellter, kann sowas passieren.

Rolf Schneiders brillante historisch-biografische Zweipersonenstücke sind schon moderne Klassiker geworden: SOMMER IN NOHANT, die Begegnung von Frédéric Chopin und George Sand auf ihrem Landbesitz nahe Paris; KUR IN MARIENBAD: die polnische Pianistin Maria Szymanowska und der deutschösterreichische Zensor in Metternichs Diensten, Friedrich von Gentz, tauschen sich zwischen Marienbad und Wien in entzückend bravouröser Bösartigkeit über Marienbads prominentesten Kurgast und seine Affären aus, aber auch über sich selber; FEUER AN BLOSSER HAUT: Franz Kafkas Briefe an Milena Jesenská, eine Literatur gewordene große erotische Leidenschaft, deren Original-Antworten leider verloren gingen, in Rolf Schneiders literarischer Fiktion aber dennoch zur Geltung kommen. Milena Jesenská starb 1944 als Häftling des deutschen Konzentrationslagers Ravensbrück. Sie hatte nach 1933 vielen Flüchtlingen aus Hitler-Deutschland geholfen.

Starke Zweipersonenstücke hat David Mamet geschrieben: CHINA DOLL, ENTEN VARIATIONEN, DIE ANARCHISTIN, DIE WÄLDER, OLEANNA und LEBEN IM THEATER.

Auf Deutsch noch unaufgeführte Zweipersonenstücke von Tennessee Williams, Einakter, die vor wenigen Jahren zum ersten Mal überhaupt publiziert worden sind: MISTER PARADISE, AUTO-DA-FÉ, IWANS WITWE, DER MILCHGLASSARG. – – – Und AUFSCHREI oder DAS ZWEIPERSONENSTÜCK (Outcry or The Two-Character Play) von Tennessee Williams ist geradezu eine Ikone des Genres in seiner kaum zu steigernden Komprimiertheit von Gleichzeitigkeit und Ineinander von Kunstbesessenheit, Theaterwahnsinn und ichvergessener Wahrheitssuche im hemmungslosen Spiel um das Leben auf der Bühne.


Ein frühes Werk von Tennessee Williams, FUGITIVE KIND gilt es aktuell zu entdecken. Thomas Huber hat seine Übersetzung des zweiten abendfüllenden Stückes von Tennessee Williams (1937) abgeschlossen. AUF DER FLUCHT fängt die flirrende Atmosphäre des Amerika der Dreißiger Jahre ein. In AUF DER FLUCHT entwirft der Autor ein beeindruckendes Gesellschaftspanorama, verbindet genretypische Elemente des Gangsterfilms mit einer anrührenden Liebesgeschichte und Gesellschaftskritik. Er erweist sich bereits in jungen Jahren als dezidiert politischer Autor. Das frühe Stück wirkt wie ein Schlüssel zu Tennessee Williams' späterem Œuvre. Seine Figuren sind auf der Flucht vor der Mittelmäßigkeit eines gewöhnlichen Lebens: Der Student Leo, der fahrende Sänger Texas, der Outlaw Terry – sie alle verkörpern Facetten des Lebensthemas von Tennessee Williams, Flucht und Freiheit, und finden ihre Fortsetzung in Figuren wie Val in ORPHEUS STEIGT HERAB oder Ben in TREPPE NACH OBEN.


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