Hüben & Drüben. Drunter & Drüber.

Klaus Pohl
Hüben & Drüben. Drunter & Drüber.

Inmitten der Wiener Wohnungsknappheit, wo Quadratmeter zum höchsten Gut werden, gerät eine ganze Hausgemeinschaft bei der Aussicht auf eine freiwerdende 8-Zimmer-Wohnung am Esteplatz in Aufruhr. Ob Ingenieurin, Notar, Schriftsteller, Musiker, Koch, Pfarrer, Yogalehrerin oder Automechanikerin, potentieller Wohnraum weckt in allen großes Begehren, zumal in Corona-Zeiten, und verleitet zu ausschweifenden Träumereien und Zukunftsplänen. Darum buhlt ein jeder Hausbewohner insgeheim um die Gunst der wohnraumreichen Tante Murr, die sich nicht nur ihren Umzug ins Altenstift gern noch einmal anders überlegt.

So kommt es schließlich auch ganz anders, als das Paar aus der Nachbarwohnung kurz vor dem langersehnten Durchbruch steht. Die Hausbewohner finden sich unverhofft zum Leichenschmaus der Tante Murr zusammen und warten gemeinsam auf die Testamentseröffnung. Hier können langgehegte Träume wahr werden oder ein für alle Mal zerplatzen. Während der Warterei wird buchstäblich über Gott und die Welt gesprochen. Dabei kehrt die Unterhaltung unweigerlich zu dem Thema zurück, welches die Leichenschmaus-Gesellschaft am brennendsten interessiert: Wem hat Tante Murr nun wohl endgültig die große Wohnung vermacht? Hierüber wird nicht einfach spekuliert. Jeder Einzelne trägt inbrünstig vor, welche persönliche Vita und ureigene Verbindung zur Tante Murr den größten Anspruch auf diese wunderbare Wohnraumerweiterung begründe. Ja, welche Dienstleistungen und Opfer vergangener Jahre das Erbe sozusagen garantiere.

Die rege Diskussion ermöglicht tiefe Einblicke in die unterschiedlichen Lebensgeschichten der Anwesenden. Da die servierten Apfelkrapfen die Bäuche beschweren und der Wein die Köpfe leichter werden lässt, wird die Leichenschmaus-Gesellschaft nämlich zunehmend beharrlicher und ehrlicher. Geheime Liebschaften und Verstrickungen treten peu à peu zutage. Anscheinend wird nicht nur mit Wohnraum, sondern auch mit dem einen oder anderen Nachbarn geliebäugelt. Mit einem Gespür für die menschliche Verletzlichkeit und Komik werden die Sorgen, Sehnsüchte und mehr oder minder taktvollen Strategien der Versammelten zum Erhaschen Wiener Wohnraums offenbart.

All das wird begleitet von der opulenten Klaviermusik des wohl fremdgehenden, großen Musikers von unten und dem gelegentlichen Schluchzen der Haushälterin aus der Küche – und in Corona-Zeiten mit freundschaftlich in Anspruch genommener Hilfe durch Nestroy, Schnitzler, E. T. A. Hoffmann und Schopenhauer. Der Clou ist natürlich, dass Tante Murr sie allesamt durchschaut hat. Ihr gehört der letzte Satz der Tollhauskomödie: „Fortsetzung folgt!“


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